WOLLEN!

Was willst du, das ich tue? fragt ein Weiser einen Mann, der ihm in den Weg getreten ist.
Es ist eine Provokation. Auf den ersten Blick – eine unzulässige. Der Weise sieht doch was mit dem Mann los ist. Er ist blind. Was wird er also wollen? Er will wieder sehen können!
Was willst du, dass ich dir tue? Ja, der Weise provoziert. Aber er macht das aus gutem Grund. Natürlich weiß er, dass der Mann vor ihm blind ist, aber er möchte es von ihm selbst hören, was er will. Denn das ist der erste Schritt zur Veränderung und zur Heilung. Denn: Vielleicht ist es ja gar nicht die Blindheit, die ihn quält. Vielleicht ist es eben nicht das Offensichtliche, was er will. Wenn ich in mich hineinhöre, dann relativiert sich mancher Wunsch, den ich vor mir hertrage. Nein, das neue Auto oder ... will ich nicht wirklich, ich will die Anerkennung, die ich damit in einem bestimmten Umfeld erziele. Und ich kann mich an Tage erinnern, an denen ich erschöpft und ausgebrannt dalag, und doch wollte ich mir nicht helfen lassen, denn es tat gut, verwöhnt zu werden und im Mittelpunkt zu stehen.
Was willst du, das ich tue? Der Weise sagt: Es kann sich was tun in deinem Leben. Aber du entscheidest, ob du das möchtest. Der Weise fordert mich dazu auf, darüber nachzudenken, was ich wirklich will. Erst dann besteht die Chance auf Heilung und dabei geht es ihm nicht um die Aktivierung von Selbstheilungsprozessen, sondern darum, dass ich nicht ganz außen vor bin. Heil werden – d.h. nicht körperlich unversehrt sein – heil werden ist Ruhe finden, zufrieden sein - Frieden finden über das, was mich umtreibt und belastet. Quelle leicht verändert

Psychologie: Auge in Auge mit der Ziellinie Friederike Rasche 1/2007

Sicherlich kennst du die Regeln und Tipps der Trainingswissenschaft oder hast in den letzten Jahren einiges an Erfahrung sammeln können. Doch hast du schon mal unter psychologischen Aspekten über deine Saisonplanung nachgedacht?

Keine Sorge, Psychologie steht für die Beschreibung des menschlichen Erlebens und Verhaltens und hat zunächst einmal nichts mit Krankheiten oder Störungen zu tun. Mit ein bisschen Einsatz kann man sich Techniken des Persönlichkeits- und Selbstmanagements zu Nutze machen! Persönlichkeitsmanagement bedeutet aktive Selbstverwirklichung. Selbstmanagement lehrt Fertigkeiten, die der Zielfindung, einem guten Zeitmanagement und einem effektiven Handeln dienen.

Ziel ist es, die Lebensqualität eigenverantwortlich und aus eigenem Antrieb zu verbessern. Doch was hat das alles mit Triathlon zu tun? Im Folgenden stellen wir einige Techniken vor, mit denen man seine Saison eigenverantwortlich und zur Lebensqualität beitragend planen kann. Nach Frederick Kanfer, dem Begründer des Selbstmanagements, sollte eine Verhaltensänderung in die folgenden sieben Phasen unterteilt werden.

Sieben Phasen der Verhaltensänderung nach Kanfer

1. Günstige Ausgangsbedingungen schaffen
2. Änderungsmotivation aufbauen und Änderungsbereiche auswählen

3. Verhalten analysieren

4. Ziele vereinbaren

5. Maßnahmen planen und durchführen

6. Fortschritte evaluieren

7. Erfolg stabilisieren

Günstige Ausgangsbedingungen schaffen

Im Persönlichkheitsmanagement werden Beruf, Familie und Freizeit als integrative und sich wechselseitig beeinflussende Lebensfelder gesehen. Leistung ist nur möglich, wenn sich diese Bereiche in einem stabilen Gleichgewicht, in Balance, befinden. Stelle dir sich vor, du bist ein Künstler, der mit drei Bällen jongliert. Diese Bälle sind Beruf, Familie und Freizeit. Das Kunststück funktioniert nur dann, wenn die drei Bälle gleichmäßige Beachtung geschenkt bekommen. Unter Stress kann man einen Ball sehr hoch werfen, ihn mehr oder weniger aus den Augen lassen und sich intensiver mit den beiden anderen Bällen beschäftigen. Irgendwann aber wird der Ball wieder herunterfallen und die Aufmerksamkeit fordern!

Für die Saisonplanung bedeutet das, dass nicht nur die Freizeit mit Trainingseinheiten oder Wettkämpfen geplant werden darf, sondern auch immer Beruf und Familie bedacht werden müssen!

Änderungsmotivation aufbauen und Änderungsbereiche auswählen

Zeitmanagement führt nur dann zum Erfolg, wenn man dazu bereit ist, sich selbst kritisch zu beobachten und sich konstruktiv zu verändern. Die Bereitschaft, seine eigenen Lebens- und Verhaltensweisen bewusst zu hinterfragen, ist eine zwingende Voraussetzung. Ebenso muss man bereit sein, für Gesundheit, Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und somit auch für die eigene Leistungsfähigkeit selbst Verantwortung zu tragen.

Verhalten analysieren

Sind diese Voraussetzungen verstanden, geht es los mit der Analyse der vergangenen Saison. An wie vielen Wettkämpfen hat man teilgenommen, welche davon waren erfolgreich, welche weniger? Wie hat man sich auf die einzelnen Wettkämpfe vorbereitet? Gab es Verletzungen oder längere Trainingspausen? In welchen Phasen sind diese aufgetreten? Rufe dir während der Analyse immer wieder das Bild des Jongleurs ins Gedächtnis! Zu welchen Zeiten befandest du dich im Gleichgewicht? Wann hat man seine Aufmerksamkeit auf einen der Bereiche fokussiert? Mussten die anderen Bereiche unter dieser Fokussierung leiden? Wie konnte man Ausgleich schaffen?

Versuche, in der Analyse deine Stärken und Schwächen zu erkennen. Möglicherweise kann es helfen, sich an den erfolgreichsten Wettkampf zu erinnern. Was hat hier besonders gut geklappt? Was ist im Gegensatz dazu bei der größten Niederlage schief gelaufen? Natürlich sollte man sich nicht nur über das organisatorisches Können, sondern auch um das eigene sportliche Vermögen Gedanken machen. Welche Disziplin, welche Trainingseinheiten bereiten besondere Freude und wann drückt man sich lieber vor einer Einheit? Hilfreich kann es sein, Grundlagenausdauer, Technik, Kraft, Schnelligkeit sowie die Konzentration in Training und Wettkampf zu beurteilen. Anschließend kann man Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensfreude und die allgemeine Leistungsfähigkeit bewerten. Durch diese Stärken-Schwächen-Analyse wird man erkennen, in welchen Bereichen die Ziele für die nächste Saison und deren Vorbereitung liegen sollten. Überlege dir in diesem Zusammenhang, was bisher daran gehindert hat, die Ziele zu erreichen und was man bereit ist zu tun, um diese Ziele in Zukunft zu erreichen. Versuche, die Stärken zur Verbesserung der Schwächen einzusetzen! Aber nicht nur deswegen sollte man seine Stärken kennen. Wenn sich die Gedanken im Wettkampf im Kreis zu drehen scheinen, ist es hilfreich, sich auf seine Stärken zu besinnen. Anstatt permanent zu denken „zumindest besser als der muss ich sein!“ und sich unter Druck zu setzen, sollte man sich auf seine Stärken berufen. „Ich habe meine Läufe sehr gut trainiert. Ich weiß, dass ich hinten raus noch einen drauf setzen kann!“ Durch das Besinnen auf die Stärken gewinnt man Sicherheit, die helfen wird, schwierige Situationen zu durchstehen.

Ziele vereinbaren

Durch konkrete Zielvereinbarungen wird Motivation geschaffen! Ein positiver Kreislauf, der durch Motivation geprägt ist, wird initiiert. Zunächst setzt man sich erreichbare Ziele. Dadurch weiß man, wofür man trainiert, und ist motiviert. So spürt man Energie und bringt Leistung. Erfolgserlebnisse stellen sich ein, so dass man sich gut fühlt und seine Ziele höher setzen kann. Der Kreislauf kann von vorn beginnen.

Um in diesen Kreislauf zu gelangen, ist es wichtig, „SMARTe“ Ziele zu setzen: S steht für spezifisch und besagt, dass jedes Ziel konkret, eindeutig und präzise formuliert werden soll. M steht für messbar, das heißt, dass das Erreichen des Ziels überprüfbar sein muss. A steht für aktionsorientiert, es bedeutet, dass das Ziel einen Ansatzpunkt für eine positive Veränderung beinhalten soll. R steht für realistisch. Das Ziel muss grundsätzlich erreichbar sein. T steht für terminierbar. Das heißt, dass ein konkreter Zeitpunkt für die Zielerreichung feststehen muss.

Um Ziele ehrlich überprüfen zu können, halte sie am Besten schriftlich fest. Zudem bringt eine schriftliche Festlegung Eindeutigkeit und Klarheit mit sich. Schreiben wird auch präziseres Denken genannt! Ziele, die in weiterer Zukunft liegen, wirken, auch wenn sie smart formuliert sind, häufig bedrohlich. Ist mein Saisonziel die Teilnahme am IRONMAN auf Hawaii, so ist das Ziel sehr spezifisch und terminierbar, denn das Wettkampfdatum steht bereits fest. Die Teilnahme ist überprüfbar und mag auch realistisch sein. Ebenfalls ist das Ziel aktionsorientiert, da ich mir im Sinne der Zielerreichung für die kommende Saison gesteigerte Trainingsintensitäten vorgenommen habe. Dennoch wird es nicht gelingen, in den Kreislauf der Motivation zu gelangen, da sich ein Erfolgserlebnis erst im Oktober einstellen kann. Hilfreich ist es, das Hauptziel der IRONMAN-Teilnahme in mittel- und kurzfristige Ziele zu unterteilen. Als erstes Unterziel bietet sich die erfolgreiche Qualifikation an. An welchen Wettkämpfen kann und will ich teilnehmen, um mich für den IRONMAN auf Hawaii zu qualifizieren? Welche Platzierung muss ich hierfür erreichen? Wann muss ich Belastung, wann Entlastung setzen, um für diese Wettkämpfe gut vorbereitet zu sein? Welche Schwächen muss ich verbessern, um eine gute Platzierung zu erreichen? Das Herunterbrechen des Hauptziels bis auf kurzfristige Trainingsziele bietet die Möglichkeit, schneller Erfolgserlebnisse zu erreichen und durch diese die eigene Motivation zu steigern.

Maßnahmen und Fortschritte

Selbstverständlich ist es mit der Zielstrukturierung allein noch nicht getan. Zudem ist es notwendig sich zu überlegen, was getan werden muss, um die eigenen Ziele zu erreichen. Hierzu kann die Zielzerkleinerung bis hin zu den einzelnen Trainingseinheiten erneut hilfreich sein.

Wichtig ist auch, dass man regelmäßig das Erreichen der Ziele überprüft. Werden Ziele nicht erreicht, ist eine eingehende Analyse notwendig. Für das Nichterreichen kann es verschiedene Gründe geben. Möglicherweise hat man die Ziele zu hoch gesteckt. Oder aber die Unterziele und geplanten Maßnahmen haben in die falsche Richtung geführt. Diese Informationen sollte man für die nächste Zielsetzung berücksichtigen. Sollten Unterziele nicht erreicht werden, scheue dich nicht, die gesamte Zielstruktur erneut zu überarbeiten. Die positiven Effekte der Zielsetzung würden durch ein Nichterreichen der Ziele ausbleiben! Sei aber ehrlich zu dir selbst. Zu niedrig gesetzte Ziele werden zwar immer erreicht, haben aber keinen besonderen Anreiz, da sie keine Anstrengung erfordern. Aktionsorientiert bedeutet, dass man sich Ziele setzt, die zu Veränderungen und Verbesserungen herausfordern. Durch eine schriftliche oder grafische Darstellung der Ziele und das Abtragen der Unterziele und deren Erreichen bietet sich eine visuelle Rückmeldung, sich auf dem richtigen Weg zu befinden. So wird zusätzlich das sportliche Selbstvertrauen gesteigert!

Erfolg stabilisieren

Wenn man sich selbst positive Erfolgserlebnisse erlaubt, die Zielstruktur immer wieder überarbeitet und die Ziele steigert und bei allem Ehrgeiz Beruf und Familie nicht vergisst, wird man seine Leistungsfähigkeit und Lebensqualität eigenverantwortlich im Sinne des Selbstmanagement verbessern. Viel Erfolg!

 

   von Jan Frodeno

Ziele setzen - warum? Sina Horsthemke 11/2011 (leicht geändert und ergänzt)

Der Diplom-Psychologe Robert Schaiter gibt Tipps für die Orientierung und Motivierung zu Beginn des neuen Trainingsjahres.
Robert Schaiter, trainingswissenschaftlich ist es wenig sinnvoll, einfach so drauflos zu trainieren. Warum ist es auch aus psychologischer Sicht wichtig, sich für die anstehende Saison Ziele zu setzen?
Wer sich Ziele steckt, will sich Träume und Wünsche erfüllen. Und darauf muss sich nicht nur der Körper vorbereiten – auch der Kopf braucht die Auseinandersetzung mit dem Ziel. Deshalb muss der Erfolg frühzeitig definiert und langfristig geplant werden. Was nützt einem das beste Karbonrad, wenn man gar nicht weiß, wohin es damit gehen soll?

Wie setzt man für sich denn eigentlich Ziele, die das Karbonrad auch erreichen kann – also realistische Ziele?
Zunächst braucht man eine gewisse Portion Mut und Risikobereitschaft – wer sich verbessern will, muss etwas riskieren. Dann ist ein Ziel immer eine Mischung aus einer Vision und einer Strategie. Die Vision könnte sein: Man will Deutscher Triathlonmeister in seiner Altersklasse werden. Die Strategie ist dann die bestmögliche Umsetzung. Wichtig ist dabei, dass das Ziel dem Selbstbewusstsein entspricht, und zwar nicht utopisch, aber immer höher ist als das, was man bisher erreicht hat. Und dass man es bewusst ausspricht – bei vielen scheitert es am Ende daran, dass sie sich das Erreichen im Grunde ihres Herzens gar nicht zutrauen. Sei einfach ehrlich mit dir selbst, dann wirst du dich auch realistisch einschätzen.

Hilft es, sich Zwischenziele zu setzen? Immerhin ist der Saisonhöhepunkt, der ja das Hauptziel sein sollte, für die meisten Triathleten erst in mehreren Monaten.
Zwischenziele sind enorm wichtig. Allein schon, weil sie den Druck vor dem Hauptwettkampf nehmen. Denn wenn der nicht klappt und es vorher kein Zwischenziel gab, gibt es am Ende der Saison auch kein Erfolgserlebnis. Wer dagegen Zwischenziele erreicht, kann auch an kleinen Dingen wachsen. Wichtig ist, dass sich ein Sportler immer kurz-, mittel- und langfristige Ziele setzt. Kurzfristige Ziele kann er innerhalb eines Monats erreichen: sich neues Equipment zulegen zum Beispiel oder ein speziellles Training absolvieren (Videoaufnahme), um verstärkt an der Verbesserung seiner Schwimmtechnik zu arbeiten. Mittelfristige Ziele sollten in einem Zeitraum von drei bis sechs Monaten liegen und können Testwettkämpfe sein. Das langfristige Ziel ist dann der geplante Hauptwettkampf, der in mehr als sechs Monaten stattfindet.

Besteht bei dieser zeitlichen Spanne nicht trotzdem die Gefahr, dass man sein Hauptziel aus den Augen verliert?
Dem kann man vorbeugen, indem man bei der Saisonplanung einen Vertrag mit sich selbst abschließt. Ein Vertrag, der bindend, ist wie jeder andere Vertrag auch. Das ist eine ganz wichtige Methode in der Sportpsychologie, um die Zukunft in die Gegenwart zu holen – auch Kaderathleten schließen entsprechende Verträge ab.

Und wie muss man sich so einen persönlichen Vertrag für den Triathlon vorstellen?
Zunächst sollte man ganz klar seine Ziel definieren: „Ich starte im Juli bei der Altersklassen-DM.“ Darunter sollte man den Zeitaufwand festhalten, den man dafür in Kauf nehmen möchte. Außerdem sollte man aufschreiben, was man bereit ist, für das Ziel zu tun: die Schwimmtechnik verbessern, keine Radausfahrt oder Laufeinheit aufgrund von Bequemlichkeit schwänzen und so weiter. Zum Schluss hängt man ihn dort auf, wo man ihn immer wieder vor Augen hat, etwa über dem Schreibtisch oder er ist Bestandteil des Trainingsprotokolls.

Diese Verträge mit sich selbst sind in der Sportpsychologie eine ebenso gängige Methode wie das Setzen sogenannter Zielanker. Was hat es damit auf sich und wie kann ein Zielanker einem Triathleten bei der Saisonplanung helfen?
Der Begriff klingt abstrakt, ist aber eigentlich ganz einfach. Mithilfe eines Zielankers kann man lernen, seine Gedanken und Gefühle durch einen Reiz in die richtige Richtung zu steuern. Dieser Reiz kann alles Mögliche sein, am besten funktioniert ein Geruch. Zum Beispiel Waldgeruch – denken da viele nicht sofort an eine Radausfahrt ins Umland? Was auch immer der Zielanker ist – der vergleichende Blick ins Trainingsprotokoll oder ein Foto seines Idols, das man sich ansieht: Wer ihn bei seiner Planung berücksichtigt, kann ihn jederzeit abrufen und damit sein Ziel assoziieren.

Das klingt, ehrlich gesagt, aber doch ganz schön kompliziert.
Auf eigene Faust mit einem Zielanker zu arbeiten ist sicherlich schwierig. Allein schon den richtigen Reiz zu finden, ist mit professioneller Anleitung einfacher, denn er muss gut zur Persönlichkeit passen, damit er als Zielanker funktioniert. Auch ich kann einem Athleten dazu nur Vorschläge machen – welcher Reiz sein ganz persönlicher Zielanker werden soll, kann nur er selbst entscheiden.

Jetzt habe ich einen Vertrag mit mir selbst abgeschlossen und einen Zielanker gesetzt, der zu meiner Persönlichkeit passt. Dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, oder?
Das kommt auf die Herangehensweise an. Wichtig ist, dass die Ziele von einem selbst kommen und nicht nur eine Trainervorgabe sind. Man muss sich selbst eine Chance geben und an sich glauben, sonst funktionieren auch der beste Vertrag und der passendste Zielanker nicht. Werde dir darüber klar, dass sich die Welt auch dann weiterdreht, wenn das Ziel nicht erreicht wird – man darf sein Glück nicht letztlich davon abhängig machen. Setze dich nicht zu sehr unter Druck, bleibe locker und spontan. Zielsetzung ist auch Vorfreude, nicht nur Belastung.

Sollte man also mit Zwischenfällen rechnen, um sich eine gewisse Lockerheit zu bewahren?
Auf keinen Fall darf man von Vornherein zwei Verkühlungen pro Jahr einplanen, das wäre nicht hilfreich. Doch es gibt keine perfekte Welt, das Leben ist kein Trainingsplan! Auch Kaderathleten sind mal verletzt oder krank. Darauf sollte man flexibel, aber nicht panisch reagieren. Und trotzdem an seinen Zielen festhalten – viele kommen nach Verletzungen sogar stärker zurück. Sofern keine schweren gesundheitlichen Probleme bestehen, darf man deshalb nicht zu früh die Flinte ins Korn werfen.

Trainiert jemand, der sich Ziele setzt, motivierter?
Ja, wenn er von seinen Zielen überzeugt ist. Zielsetzungsprozesse erfordern Zeit und eine klare Herangehensweise. Ein Athlet muss vernünftig überlegen, was realistisch ist, und sein Umfeld mit einbeziehen – wer das Verständnis der Familie auf seiner Seite hat, trainiert auch mit mehr Motivation. Am Ende der Saison sollte man Bilanz ziehen: Was habe ich wirklich erreicht? Habe ich es diesmal wirklich besser gemacht? Ganz drastisch kann man sich seine langfristigen sportlichen Ziele übrigens vor Augen führen, indem man sich hinsetzt und seinen eigenen Nachruf schreibt – aus der Sicht eines Journalisten, der das Karriereende des Sportlers XY vermeldet. Dann sieht man ganz schnell, ob man sportlich auf dem richtigen Weg ist oder sich in Alltagsdingen verzettelt.

 

 

"Ein Traum ist kein Ziel" Zeit-online 09/2015

Der Österreicher Christian Troger kam 1983 mit nur einem Bein zur Welt. Heute ist er erfolgreicher Triathlet. Er hält Vorträge und Seminare zum Thema Motivation.

ZEIT ONLINE: Herr Troger, Sie wurden ohne linkes Bein und linke Hüftpfanne geboren. Trotzdem sind Sie heute ein passionierter Triathlet. Wie absolviert man den Ironman ohne zwei Beine?

Christian Troger: Indem man sich dieses Ziel setzt und sich ihm dann Schritt für Schritt nähert. Für einen Triathlon braucht man nicht unbedingt zwei Beine. Natürlich ist für den Marathonlauf eine Beinprothese nötig, beim Schwimmen und Radfahren stört sie teilweise aber nur.


ZEIT ONLINE: Die Ärzte sagten Ihren Eltern bei Ihrer Geburt, dass Sie niemals laufen würden.
Troger: Das war ein Irrtum. Ich habe schon im Alter von einem Jahr in einer Spezialklinik in Heidelberg eine Prothese erhalten und kurz darauf laufen gelernt. Die Prothesen wurden in meiner Kindheit etwa jedes halbe Jahr angepasst, bis ich 18 Jahre alt war.

ZEIT ONLINE: Hat Sie Ihre Behinderung also nicht beeinträchtigt?

Troger: Doch – beim Berufseinstieg habe ich gemerkt, dass man als Mensch mit einem Handicap schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat. Sind Behinderte einmal in einem Unternehmen eingestellt, ist es sehr schwer, sie zu kündigen. Diese Regelung hält viele Arbeitgeber davon ab, überhaupt einen Behinderten einzustellen. Ich habe eine Handelsschule besucht und fand einen Job im öffentlichen Dienst. Das war nicht unbedingt das, was ich mir erträumt hatte. Ich habe dann angefangen, nebenbei als selbständiger Handelsvertreter zu arbeiten.

ZEIT ONLINE: Warum?

Troger: Ich bin ein Mensch, der die Herausforderung sucht. Das zog sich durch meine Kindheit und Jugend. Ich wollte sein wie die anderen und mich durch meine Behinderung nicht beeinträchtigen lassen. In der Schule beispielsweise war ich eigentlich vom Sportunterricht freigestellt. Aber ich habe trotzdem mitgemacht, weil ich mich von meinen Klassenkameraden nicht unterscheiden wollte. Und mir hat Sport immer viel Spaß gemacht.

ZEIT ONLINE: Wollten Sie schon immer Ironman werden?

Troger: Nein, überhaupt nicht. 2005 war ich zufälligerweise als Besucher beim Ironman in Klagenfurt. Ein Freund und ich sind hingefahren, um eigentlich eine Party zu besuchen. Aber als ich dann gesehen habe, wie die Athleten sich mit schmerzerfüllten Gesichtern und einem klaren Ziel vor Augen ins Ziel kämpften, hat mich die Idee gepackt: Das will ich auch mal machen.

ZEIT ONLINE: Was hat Ihr Freund dazu gesagt?

Troger: Dem habe ich das zunächst gar nicht gesagt. Vermutlich hätte er gesagt, dass ich spinne und es mit nur einem Bein gar nicht möglich sein würde. Und in meinem damaligen Fitnesszustand erst recht nicht. Aber die Idee hat mich nicht losgelassen. In den Monaten danach habe ich immer wieder darüber nachgedacht. Aber es dauerte noch ganze drei Jahre, bis aus dem Traum ein Ziel wurde, das ich dann auch erreicht habe.

ZEIT ONLINE: Was hat dazu geführt?

Troger: 2008 fand wieder ein Ironman in Österreich statt. Diesmal bin ich nicht nur wegen der Party hingefahren, sondern als Besucher, der auch Interesse an der Sportveranstaltung hatte. Da reifte der Entschluss, den Traum zu verwirklichen.

ZEIT ONLINE: Die Ironman-Distanz besteht aus 3,86 Kilometern Schwimmen, 180,2 Kilometern Radfahren und 42,195 Kilometern Marathon.

Troger: Und zwar in einer Zeit von unter 17 Stunden. Man startet um 7 Uhr am Morgen und muss bis Mitternacht im Ziel sein.

ZEIT ONLINE: Was hat Ihr Arzt dazu gesagt?

Troger: Er hat gesagt, dass es unmöglich wäre, mit einem Bein und einer fehlenden Hüftpfanne Marathon zu laufen. Ich hatte angenommen, dass ich dazu in der Lage wäre, weil ich ja auch gehen konnte. Aber das Laufen mit einer Prothese ist viel belastender, es gibt schnell Wundstellen. Sehr viel einfacher dagegen ist es, mit nur einem Bein zu schwimmen oder Rad zu fahren.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert das denn?

Troger: Schwimmen kann man ohne Prothese nur mit dem Oberkörper. Bei einem Ironman ist das sowieso eine gute Idee. Man nutzt die Kraft des Oberkörpers beim Kraulen und schont die Beine. Beim Radfahren kann man auch auf die Prothese verzichten, man benötigt dann aber etwas mehr Kraft als Athleten ohne Handicap. Schwieriger ist der Marathon. Denn dafür benötigt man zwei Beine – oder eine spezielle Sportprothese. Läufer mit Prothese sind allerdings etwas langsamer.

"Es kommt auf den Sinn hinter dem Ziel an"

ZEIT ONLINE: 2011 haben Sie dann den Ironman geschafft – in unter 17 Stunden. Wie war das?

Troger: Es war ein Kampf. Besonders beim Marathon bestand der letzte Teil der Strecke aus zusammenbrechen, aufstehen, ein paar Schritte laufen, wieder zusammenbrechen und sich erneut aufraffen. Ich war nach 16,5 Stunden im Ziel und über diese Zeit enttäuscht, weil ich eigentlich besser sein wollte. Aber noch im Ziel wurden aus den Schmerzenstränen Tränen der Freude, denn ich wusste: Aus meinem Traum ist ein Ziel geworden. Eines, durch das ich auch physisch gelaufen bin. In diesem Moment wusste ich, dass es auf den Sinn ankommt, den man einem angepeilten Ziel gibt. Mit einem Sinn dahinter ist man in der Lage, auch die letzten Kraftreserven zu mobilisieren und echte Höchstleistungen zu erbringen.

ZEIT ONLINE: Sie haben aus Ihrer Geschichte ein Buch gemacht und halten Vorträge vor Führungskräften. Was können Chefs von Ihnen lernen?

Troger: Ich hoffe, dass ich vermitteln kann, wie man sich selbst und andere motiviert. Viele verwechseln Träume mit Zielen. Und wundern sich dann, warum sie diese nie erreichen. Wer als Unternehmer nur Träumen hinterherjagt, wird nicht dauerhaft erfolgreich sein oder am Markt bestehen können. Und wer als Chef versucht, mit Träumen seine Mitarbeiter zu motivieren, der wird sein Team nicht dazu bringen, ihm zu folgen. Aus einem Traum wird erst dann ein Ziel, wenn man einen konkreten Sinn dahinter erkennt. Und dieser Sinn muss einen Wert nicht nur für mich selbst haben, sondern auch für diejenigen, die mir dabei helfen, es zu erreichen.

Darum sind bloße Unternehmenskennziffern kein gutes Ziel. Warum sollten sich Mitarbeiter dafür ins Zeug legen, nur damit die Bilanz stimmt? Sie sind hingegen motivierter, den Gewinn zu steigern, wenn sie wissen, dass sie daran beteiligt werden, beispielsweise direkt durch ihr Gehalt. Und neben Geld kommt es auf ideelle Werte an.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Troger: Ich wollte mit dem Triathlon vor allem mir selbst beweisen, dass ich mich von meiner Behinderung nicht einschränken lasse. Dass ich sogar mit ihr noch mehr leisten kann als die meisten gesunden Menschen. Das war ein ideelles Ziel. Aber es galt nur für mich selbst. Wer Menschen führen und sie dazu bringen muss, für ein Ziel zu arbeiten, das nicht ihres ist, der muss sich die Frage stellen: Welcher ideelle Wert für meine Mitarbeiter steckt dahinter? Das kann zum Beispiel sein, Teil eines besonderen Teams oder eines einzigartigen Projektes zu sein. Es kann auch ein gesellschaftliches Ziel sein – viele gemeinnützige Organisationen arbeiten über eine solch ideelle Motivation ihrer Mitarbeiter. Ein Traum ist insofern immer nur eine Basis für eine Vision. Aber erst ein konkreter Mehrwert macht daraus ein Ziel.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Grenzen?

Troger: Sie sind wichtig. Und man muss sich klar darüber sein, dass nicht alle Grenzen überwunden werden können. Aus mir wird nie ein Fußballstar – denn dafür braucht man zwei Beine. Darum ist es wichtig, dass man prüft, ob sein Ziel realistisch ist. Als Behinderter mit nur einem Bein, aber einer Prothese am Ironman teilzunehmen, ist eine besondere Herausforderung, aber eine realistische. Ein Fußballprofi zu werden, ist es nicht. Auf dem Weg zum Ziel muss man außerdem auch Niederlagen einstecken können. Es gehört dazu, auch mal zusammenzubrechen oder zu versagen. Dann muss man aber wieder aufstehen und weitermachen.

ZEIT ONLINE: Sie trainieren derzeit für Ihren dritten Ironman. Welche neuen Herausforderungen haben Sie sich gesetzt?

Troger: Meine Zeit zu verbessern. Dieses Mal möchte ich die Distanz in weniger als zwölf Stunden schaffen.


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